3-10: Wie wird es weiter gehen?

Der Mensch ist mächtig geworden. Jeder Einzelne ist heute ein potentiell so gefährliches Wesen, wie es der einzelne Mensch nie zuvor war. Jeder Mensch kann in einem Amoklauf leicht hunderte andere Menschen mit in den Tod reißen. Selbst Kinder können mit Gewehren und Pistolen spielend Erwachsene erschießen. Waffen zu bekommen ist nur auf legalem Weg schwierig, in der Unterwelt ein Leichtes. Zudem bietet jedes große Hi-Tech-Land mit seinen empfindlichen Hochhäusern, Flughäfen, Stromnetzen, Brücken, Gleisen und Strassen beliebig viele Angriffsmöglichkeiten. Die vielen Trinkwasserreservoirs sind leicht zu vergiften, die offenen Stromleitungen über Land leicht kappbar, die Ölpipelines und die frei liegenden Bahngleise erlauben es jedem, mit einfachen, überall erhältlichen Werkzeug ein Chaos anzurichten. Wie will man die hunderttausende von Kilometern langen Stromleitungen und Bahngleise schützen?

Wie die Mächtigkeit der Staaten mit den Wasserstoffbomben ein neues Maximum erreicht hat, so hat andererseits auch die Verwundbarkeit der Zivilisationen durch ihre Komplexität einen neuen Höchststand erreicht. Es ist heute für eine Macht wie die USA leicht, ein schwaches Land wie den Irak zu überfallen und zu besetzen. Das ist das Gegenteil von einer heldenhaften Glanzleistung, das ist eher peinliches Schurkentum. Die Verwundbarkeit des Einzelnen und die Verwundbarkeit der Zivilisation gehört zum Wesen der Menschheit. Man muss mit der Verletzlichkeit des Menschen und der Zivilisation leben und das menschliche Leben darauf einstellen.

Der kalte Krieg bot der Welt mit seiner atomaren Abschreckung relativ stabile Machtverhältnisse. Nun zeichnen sich der nächste politische Entwicklungsschritt der Welt und eine neue Weltordnung langsam ab. Da die USA ihre militärische Vormachtstellung zur Durchsetzung höchsteigener Interessen missbrauchen, will unter diesen Umständen heute kein anderes Land mehr die Vorherrschaft der USA. Die Nationen finden zunehmend, dass sie vor Angriffen allein dann geschützt sind, wenn sie Atomwaffen und Trägerraketen besitzen. Wie die königlichen Insignien Zepter und Apfel einst, könnten deswegen in Zukunft der Besitz von Raketen und A-Bomben die Autorität eines Staates anzeigen. Nur durch die Androhung der substantiellen oder völligen Vernichtung des Gegners mit Atomwaffen scheinen die Länder sich davor schützen zu können, überfallen, besetzt und ausgeplündert zu werden. So ist die Beschaffung von Atomkraftwerken bereits wieder im Gange, wie die Beispiele Nordkorea, Pakistan, Indien und neuerdings auch Brasilien zeigen.

Sollte es den USA nun gelingen, einerseits das weitere Aufkommen von Atomwaffen zu verhindern und eine einseitige Abrüstung ihrer „Partnerländer“ zu erreichen, andererseits aber sich selbst wirksam vor Angriffen zu schützen, würde das ihre Vormachtposition zementieren. Der erste Golf-Krieg zeigte, dass die Patriot-Raketensysteme im Prinzip schnell genug reagieren können, um anfliegende Raketen rechtzeitig abzufangen. Zudem ist es auch gelungen, anfliegende Raketen mit Laserkanonen in großer Höhe zu treffen.
[2] Die Perspektive, dass die USA sich mit einem Schutzschild SDI versehen wollen, der angreifende Raketen vom Boden aus oder von Satelliten aus abwehren kann, wäre also eine weitere Störung des schon gestörten Gleichgewichts auf der Welt. Der SDI-Schutzschild könnte den USA potentiell eine militärische Überlegenheit sichern.

Gegen die einzelnen, veralteten Raketen von Saddam Hussein haben die Patriot-Raketen ausgereicht, aber einem Massenstart moderneren Raketensystemen mit multiplen Sprengköpfen würden sie nicht standhalten können. Ein in den Foreign Affairs veröffentlichter Aufsatz lässt jedoch darauf schließen, dass die USA eine Erstschlagskapazität gegen Russland vorbereiten und darauf setzen, dass ihr Erstschlag überraschend genug für die Auslöschung von 99% der russischen Atomraketen und Führungszentren wird.
[3] In diesem Fall wäre nur noch die Antwort von 1% der russischen Atomraketen abzufangen, und das wollen sie mit den in Polen und Alaska aufgestellten Abwehrsystemen schaffen. Sollte dabei letztlich doch eine Atomrakete amerikanischen Boden erreichen, würden sie das in Kauf nehmen.

Dies führt zu einer sehr gefährlichen Situation für die Welt, und die Möglichkeit eines Human Error sollte in diesem Szenario nicht unterschätzt werden.

Wir haben heute nun zunehmend eine Situation, in der die USA gegen den Rest der Welt stehen, und so oder so ist die Endzeit des amerikanischen Empires eingeläutet. Schon entwertet der gestiegene Kurswert des Euro die europäischen Tributzahlungen. Schon wird der Dollar langsam als Weltwährung ablöst. Die amerikanischen Aktienmärkte könnten in der Folge verfallen und viele große internationale AGs könnten in die Insolvenz gezogen werden. Und wenn die großen Global Player nicht mehr von ihren Aktienreserven leben können, dann dürfte es schlecht um diese Firmen bestellt sein.

Die Ölverknappung und die steigenden Ölpreise sind fatal für die amerikanische Kriegsmaschine, die zum Funktionieren unermesslich viel Öl braucht. Diese Kriegsmaschinerie macht sich selber unbezahlbar. Die schmutzige, schwarze Zeit des Öls wird und muss nun wohl zu Ende gehen. Da aber die USA als großflächiges Land nicht die Kompaktheit von Europa, Japan und Südkorea besitzen und auch noch keine so weitgehende Elektrifizierungen ausgebaut hat, werden sie gerade wegen ihres ungeheuerlichen Militärapparates mehr Mittel für ihr Öl benötigen als ihnen lieb sein kann. Sie werden es schwerer haben, den Sprung in die Zeit nach dem Öl zu schaffen.

Am besten könnte eine kritische öffentliche Meinung der eigenen Bürger in den USA eine politische Veränderung bewirken. Über das amerikanische Volk könnte die Ablösung durchaus in einem friedlichen Prozess geschehen, ohne den Militärputsch, den manche für nötig halten. Suharto in Indonesien, Marcos auf den Philippinen, der Schah von Persien und das DDR-Regime, sie alle wurden vom Volk abgelöst, ohne einen Krieg oder einen Militärputsch. Ein großer, breiter Druck eines Volkes kann vieles ändern und wird auch sehr nötig sein, um ganz neue Parteien auszubilden und positive Kräfte in die Regierungen zu bringen. Vor dem Druck der eigenen Wähler hätte die US-Regierung schließlich mehr Respekt als vor der Kritik ihrer Verbündeten.
[4] Doch die Masse der US-Bürger zeichnen sich nun nicht gerade durch ein aufgeklärtes Interesse an Politik aus.

Einzelne Amerikaner, Schauspieler, Kriegsveteranen, Wissenschaftler, Schriftsteller und Geschäftsmänner, zeichnen aber schon deutliche Spuren. Ein amerikanischer Textilhersteller hat in das Waschetikett all seiner Produkte einen Hinweis einnähen lassen, der besagt, dass er sich für den amerikanischen Präsidenten Georg Bush entschuldige; er hätte ihn nicht gewählt. Ähnlich entschuldigen sich Wissenschaftler auf Kongressen und Tagungen derzeit immer wieder für die amerikanische Imperialpolitik. Kann solch ein Machtkartell also längerfristig die eigene Bevölkerung täuschen und die ganze Welt langfristig unterdrücken und kontrollieren? Wie lange wird sich die US-Bevölkerung das gefallen lassen?

[2] Der Autor hat bei Gesprächen mit Militärs im Pentagon von Experimenten erfahren, bei denen das Space Shuttle als SDI-Zielscheibe für (harmlose) Probeschüsse mit Laserkanonen verwendet wurde.
[3] Keir A. Lieber & Darley G. Press: The Rise of U.S. Nuclear Primacy, Foreign Affairs, April/Mai 2006, S. 42-54.
[4] Weltpolitik nach Gutsherrenart, http://www.n-tv.de/,15.4.2003.

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